Exkursion im "Wald der Superlative"

Veröffentlicht am 15.05.2014 in Politik

SPD und Grüne erkunden mit dem Nabu-Vorsitzenden Dr. Andre Baumann das Konversionsgelände und den angrenzenden Hirschackerwald

 

„Also wir vom NABU haben anderes Wetter bestellt“, begrüßte Dr. Andre Baumann eine immerhin rund dreißig interessierte Bürgerinnen und Bürger zählende Exkursionsgruppe bei eher ungemütlichen Witterungsverhältnissen ungemütlichem am Eingang der ehemaligen Tompkins-Barracks, darunter auch Stadträte und Gemeinderatskandidaten. Thema der rund 90-minütigen Exkursion, zu der die Schwetzinger Grünen und Sozialdemokraten eingeladen hatten, war die Konversion zwischen Stadtentwicklung und Artenschutz, zu dem der Vorsitzende des NABU Baden-Württemberg als Experte anschaulich und am „lebenden“ Pflanzenobjekt darstellte, welche Flächen, Arten und geschützt werden müssen und wieso diese schützenswert seien.

 

„Wir haben in Schwetzingen aus NABU-Sicht ein Riesenglück, dass sich hier in direkter Nachbarschaft ganz spezielle Biotope gebildet bzw. erhalten haben, die es zu schützen gilt“, begrüßte Stadtrat Simon Abraham in die Thematik. Stadträtin und Mitinitiatorin Monika Maier-Kuhn stellte klar, dass die Natur für den bevorstehenden Prozess kein Gegenspieler ist den man besiegt oder ausspielt, sondern ein Mitspieler der Teil des Erfolgs werden kann, und übergab das Wort direkt an den Experten Dr. Andre Baumann

 

 

„Dass hier im Hirschackerwald ein großes Wohnungs- und Jagdquartier der Bechstein-Fledermaus ist, war auch für den NABU neu“, gibt Baumann zu. Die seltene Fledermaus Art ist selten und EU-weit streng geschützt. In Schwetzingen bieten die alten Eichen im und am Hirschackerwald mit ihren Asthöhlen ideale Wohnbedingungen. Dort also, wo diese Tiere leben und wohnen, dürften keine Störfaktoren, z.B. nächtlich erhellende Lichtanlagen und Laternen stehen. Der alte Eichenwald gehört auch zum zukünftigen Schwetzinger Projekt des NABU, der in Kürze einen Großteil des Hirschackerwaldes als Eigentum überschrieben bekommt. In einem Teil soll der Wald bald aussehen, wie zu Carl-Theodors Zeiten: alte Eichen in lichteren Wäldern, ohne nachträglich durch die Forstwirtschaft „eingeschleppten“ und nicht heimischen Nadelbäume. Auf den lichten Flecken soll der an den sandigen Boden hochsensibel angepasste Sandmagerrasen von Schafen beweidet werden um eine einzigartige und vergangene Kulturlandschaft in Deutschland wieder zum Leben zu erwecken.

 

Für die anwesenden Stadträte und die Kandidaten war das hochinteressant, vor allem auch deshalb, weil sich ein Großteil dieses Sandmagerrasens nicht nur im Wald, sondern direkt auf dem Konversionsgelände an den Tompkins-Barracks befindet. „Das ist ganz klar, dass an dieser Stelle nichts gebaut werden kann, weder Wohnungen noch Gewerbe noch Straßen.“, meinte Grünen-Stadträtin Christiane Menges. SPD-Stadtrat Carsten Kropp verwies auf das laufende Verfahren: „Auch die, wie wir hier sehen, wichtigen Belange des Naturschutzes sind Bestandteil der derzeitigen Machbarkeitsstudie und müssen mit geprüft werden.“ Klar sei, dass die jede Planung zur Konversion den Naturschutz berücksichtigen müsse, da waren sich beide Parteien einig. „Momentan klappt es auf der Ebene der Landespolitik richtig gut.“

 

Wegen der geplanten Konversion der Kilbourne-Kaserne zeigte Baumann die naturschutzrechtlichen Rahmenbedingungen auf. Rund um die Konversionsfläche befindet sich ein Schutzgebiet. Von einem Wohngebiet dürften keine erheblichen Störungen der geschützten Natur ausgehen, sagt Baumann. Da Bewohnern eine Katzenhaltung nicht verboten werden könne, sei nicht klar, ob eine Bebauung genehmigungsfähig wäre, denn Katzen seien für die streng geschützten Eidechsen die Todesursache Nummer eins. Dies sei eine hohe naturschutzrechtliche Hürde.

 

Dagegen fand der Experte Lob für die aktuelle Landesregierung: „Grün-Rot macht im Sinne des Naturschutzes einen Super-Job. Es wäre schön, wenn sich in Schwetzingen eine ähnliche Koalition mit Blick auf den Hirschackerwald und Konversion bilden könne.“ Und was er da ganz konkret im Blick hatte, enthielt er auch den Besuchern nicht vor. Da gibt es vor den Kasernen aber auch auf dem ehemaligen Übungsgelände im Wald große Sandmagerrasenflächen auf denen Sandstrohblume, Silbergras und andere spezialisierte Pflanzenarten gedeihen und ganz spezielle Tiere, z.B. hochspezialisierte Falterarten, die nur auf und mit Sandstrohblumen leben können. Daneben die alten Eichen, ebenfalls sehr selten, weil die langsam wachsenden Bäume seit Ende des 19. Jahrhunderts in der Forstwirtschaft durch schnell wachsende Nadelhölzer ersetzt wurden. „Dieser Ort in Schwetzingen in dieser Konstellation ist ein Wald der Superlative“, sagt André Baumann.

 

Martina Blattner, Kandidatin für die Grünen, wies darauf hin, dass die Eichenwälder des Hirschackerwalds seit Jahren ein sehr großes Vorkommen von Eichenprozessionsspinnern beherbergen – eine Falterart, deren Larven giftige Haare abwerfen. Eine Wohnbebauung am Rande eines Eichenprozessionsspinner-Gebiets ist durchaus problematisch. Baumann sagte, dass in Schutzgebieten eine Bekämpfung von Eichenprozessionsspinnern sehr schwierig bis unzulässig sei.

 

Die Ergebnisse der Exkursion für die Lokalpolitik fasste Stadtrat Robin Pitsch nochmals in Wort: „Klar ist, dass hier keine großformatigen Ideen mit Gewerbe und Wohnbebauung umgesetzt werden können. Konversion an dieser Stelle heißt vor allen Dingen Erhalt von Natur, Erhalt der Tompkins-Gebäude und eine Umsetzung nur mit viel Behutsamkeit und Fingerspitzengefühl. Und klar ist auch, dass man das alles nicht zum Nulltarif bekommt. Da müssen auch die anderen Wählergruppierungen mitziehen“

 

Kleiner Höhepunkt der Exkursion war ein Vortrag über das seltene Kegelfrüchtige Leimkraut, eine sehr selten gewordene Pflanzenart. die an nur an einer Handvoll Stellen in Baden-Württemberg vorkommt. Ein kurzer Aufschrei Baumanns genügte um die Besucher zu fesseln: ganz neu und noch in keiner Arten-Karte verzeichnet, wächst diese Rarität im Straßenbankett vor der Kilbourne-Kaserne nun auch in Schwetzingen.

 

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Daniel Born

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